Als Missionar in Mühlrad

An seyne Ehrwürden Bruder Decius,

werter Bruder Decius, meyn Name ist Bruder Fürchtegott Hofer vom Orden der Heiligen Clara zu Trum. Unsere Wege hat der Eyne bislang noch nicht zusammengeführt, doch wundert Euch nicht über diesen Brief. Der Abt von Himmelswacht trug mir auf, mich mit eynem Anliegen an Euch zu wenden.

Erst kürzlich, pünktlich zum Sommerfest in Dahle, kehrte ich von einem unglaublichen Abenteuer zurück und so möchte ich euch davon berichten.

Unser Kloster ereilte ein Hilferuf aus einem weit entfernten Land am Ende der Welt. Alle redlichen Kirchen wurden herangebeten, denn dort waren die Götter verschwunden. Und so wurde mir anempfohlen, mich erstmals außerhalb der Klostermauern in die Ferne zu begeben.


Undurchdringlicher Sumpf erschwert das Reisen durch Nagenraft. Und hat man den Sumpf erst einmal durchquert, versperrt bereits neuer Sumpf den Weg.

Das Land heißt Nagenranft und besteht in principia nur aus Sumpf. Es sit dem Heiligen Pretorius zu Danken, dass ich einer der wenigen Kirchlinge war, die bis zur Quelle des Hilferufes durchdrangen. Im Zielord Mühlrad erwartete mich eine Art Restzivilisation und die Einheimischen empfingen mich so freundlich wie es ihre restzivilisierte Art es ihnen ermöglichte.

Mühlrad, ein Dorf mit zwei Dutzend Einwohnern, einer Sumpfhexe und einer Kirche. Der Ort wurde Gebeutelt von vielen Übeln, heidnischenKultisten und finsterer Magie. So rief er in alle Welt zur Hilfe jeden Rechtschaffenden, der sich des Verirrens wage.
Das Bürgeramt von Mühlrad war häufiger Austragungsort des Dorfpfarrers und der mutmaßlichen Sumpfhexe Lorre. Aber auch BEschwerden des Dorflehrers über das Schulschwänzen vom kleinen Carl und die Art der Bestrafung wurde hier verhandelt.

Mit der Zeyt lebte ich mich ein und der Eyne wartete nicht lange, da übertrug man mir die Leitung der Dorfkirche. Ich predigte vom Eynen, der Heiligen Clara und der Hoffnung und doch fehlte es mir an letzterer, die Bewohner zu bekehren. Nichtsdestotrotz wählten sie mich zum Gemeiratsvorsitzenden. Von nun an ward ich politisch verwickelt, musste mich um gestohlene Eier, undichte Dächer und kaputte Weidezäune kümmern. Doch es kam schlimmer.

Die Reisewege und Obstsorten von Mühlrads Umgebung wurden seit Eintreffen Bruderfürchtegotts penibel ausgeschildert.

So verging die Zeit oder besser gesagt, sie verging nicht viele Monate, bis die Fremden eintrafen. Viele Fremde, sehr viele. Das lag vermutlich an meiner neu eingeführten Beschilderung lag. Unter den Fremden waren Flüchtende aus von geheimnisvollen Kultisten niedergerissenen Nachbardörfern und Södlner sowie Rittersleut, die dem Krichenruf zur Hülf geeilt waren.

Die Fremden halfen unserem Dorf auch sehr gegen die Kultisten, doch waren es derart viele Fraktionen mit mehr oder minder starker Verwicklung in die Regierungsgeschäfte des Landes, dass sich zwischen ihnen alsbald allerley Ränkeschmiede entfalteten. Und ich gebunden an mein Gemeindeamt saß zwischen allen Stühlen. Bruder, ich von da ab verstand ich das Gebot der Pretoriusaner, sich nicht in Politik zu mischen. Harte weltliche Entscheidungen färben auf die kirchliche Mission ab. Gleich nach meinem Bericht erließ die ehrwürdige Provinzialin der Clariter das Gebot, sich nicht in weltliche politische Belange einzumischen und der Eyne weyß, solches Amt werde ich nimmer mehr antasten.

Nicht berichten will ich die Einzelheyten und auch nicht meyne Begegnung mit einem leibhaftigen Dämon. Oder vielleicht doch, denn zu seiner Bekämpfung musste ich mich in einer Liturgie im Schlaf einer Vision der Heiligen Clara hingeben. Nun mochten einige sagen, ich hätte die Schlacht gegen den Dämon verschlafen, aber andere sagten, es sei der heldenhafteste Schlaf gewesen, der jemals geschlafen wurde.

Ein Götzenbild heidnischer Blutkultisten. Nicht nur herätisch, sondern auch frivol. Die Kultisten von Nagenranft kennen keine Grenzen.
Vielleicht hätte der Gemeinderat bei der Dorfmiliz auf die diskreten Zeichen achten sollen …

Wir obsiegten letztlich, doch möchte ich von eynem großen Schlag berichten. Denn meine Kirche wurde komplett ausgeraubt und dies von den Truppen, die uns zu Hilfe eilten. Meine Nachforschungen brachten zwar die Schuldigen zutage, doch fehlten mir eindeutige Beweise. So heuerte ich eine Söldnermiliz aus sehr aggressiv wirkenden Wildlingen an, die mir mehr Ärger einbrachten als sie verhinderten. Naja, immerhin drangen sie auf den kleinen Carl, dass er immer pünktlich zur Schule komme. Der Junge ist noch etwas verstört, aber immerhin pünktlich. Und sie übernahmen auch freiwillig und nächtelang Wache über die Vorräte an Messwein. Am Ende bezahlte ich den Räubern eine für das Dorf unersätzliche Reliquie mit den letzten Silbern der Ordenskasse und musste die Missionsstätte für ruiniert erklären.

Die Kirche von Mühlrad, von Missionaren übernommen und dem Eynen geweiht, stand allen offen, auch den Dieben.
Die Dorfkirche nach der Plünderung. Alle Kisten aufgebrochen, alle Requifinalien gestohlen, selbst die Sakristei nicht verschont. Alleyn das Bild der Heiligen Clara hing den Ungläubigen zu hoch und auch ihren Altar wagten die Frevler nicht anzurühren. Eyn Zeychen.

Soweyt meyne Elebnisse in Mühlrad und nunmehr meyn Anlsinnen zu Euch. Ich traf auf eyne kleine Gesandtschaft ehrenhafter Ritter von Ordo Crusies, der sich auf Feldzug für den Eynen befand. Ihr könnt euch meine Freude vorstellen, am Ende der Welt echte Glaubensbrüder zu begegnen. Der Himmel Engelschor kann nicht mehr Herrlichkeit in eynem Herzen auslösen als solch Begegnung. Der hochlöbliche Ordensmeyster Hagen offerierte mir, ihn fortan durch nagenraft zu begleiten. Denn man habe Kunde, dass sich das Böse anschickt, von hier aus die ganze Welt zu überlaufen und er sprach bedrohlich von unser aller eingeläutete letzten Tage. Seine Truppen zögen sich zusammen und wollen nächstes Jahr eine gewaltige Streitmacht aufstellen wider dem Bozephalus. Und sie benötigen dafür noch Kleriker und Priester, denn die ihren waren vom Sumpf verschlungen.

Natürlich war es zunächst meine Pflicht, meinen Bericht in die Heimat zu tragen und mich mit neuen Instruktionen auszustatten. Und so mahnte mich der Abt, nach jemanden mit Reyseerfahrung Ausschau zu halten, auf dass das Loch gering bleibe, dass in die Finanzen gerissen. Jedoch sah er die Notwendigkeit eyner weiteren Missionsreise erzwinglich.

Und so kam er auf Euren Namen, werter Bruder Decius. Eingedenk Eurer vielen Verpflichtungen und der Gefahren solch eines Unterfangens, möchte ich euch dennoch zur Überlegung geben, die zweite Nagenranfter Mission anzuführen, um die unerledigten und unergründeten in Erledigung zu bringen und nicht minder irgend etwas anderes zu retten als die gesamte Welt.

So erwarte ich in demütiger Geduld Eure Antwort

Bruder Fürchtegott

Kloster Himmelswacht.

Klosterzelle 35

Die Heilige Clara, ihr Schrein hielt der Diebesbande stand, mehr als nur ein Zeichen, ein Beweis, dass sie und der Eyne in Nagenranft ein Bollwerk wider allen Un- und Falschglaubens errichten wollen.

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