
Welcher Dämon treibt und drängt dich, dass du nach dem Schluckmoor fragst? Weißt du nicht, dass dort das Ende der Welt liegt? Und ja, ich dürfte der einzige sein, der je von dort zurückkehrte. Bestell mir beim Wirt einen Humpen, dann erzähle ich dir.
Dereinst, in den kleinen Kriegen, da zog ich mit meinem Söldnerhaufen durch diesen Landstrich und was ich da erlebt zu erzählen, würde dein Herz sogleich gefrieren lassen. Es soll genügen, dass von einem dreckigen Dutzend kampfgestählter Männer nur einer diesem Loch entkam und dieser sitzt vor dir. Jede Nacht hallen mir die Schreie und das Jammern meiner um Leben und Verstand gebrachter Waffenbrüder nach, dass ich gebrochen bin an Leib und Seele.
Wo Licht ist, da ist auch Schatten. Es heißt, einst, als der Sonnenglaube in der Baronie Champa und den umliegenden Lehen mächtig wurde, zogen sich die Schatten zurück und alles Dunkel fand sich an einem Ort zusammen, den, den du gerade suchst.

Wenn du aber zum Moor willst, dann begib dich südlich der Waldküste bis wohin der Fluss am Gebirge vorbeizieht zu dem trostlosesten Landstrich, den du erblicken kannst. Man kann ihn eigentlich von weitem riechen.

Du findest dort am Steg das Rasthaus „Sensenfreud“. Weiß der Bozephalus wie der Wirt sich von den nicht vorhandenen Einnahmen ernähren kann. Wobei ich nie den Eindruck hatte, dass er sich ernähren hätte müssen oder überhaupt am Leben war. Irgendwas zwischen Leben und Tod, glaube ich war er. Seine Gäste jedenfalls waren es auf jeden Fall.
Noch weiter südlich gelangst du mit etwas Glück zum Dorf Morastenau. Ein paar Holzhütten und eine Gemeinde aus Brüdern und Schwestern. Nein, nein, keine Kirchengemeinde. Es sind tatsächlich alles Brüdern und Schwestern und das schon seit vielen Generationen. Lass dich dort nicht zum Essen einladen …

Östlich vom Dorf findest du eine Schamanin, Frollein Wuduwunderlich. Sie ist ganz nett und sagt dir gegen Münze gerne die Zukunft voraus. Wobei, das kannst du dir sparen, im Moor hast du keine Zukunft.
Wir sprechen vom Tag, verstehst du? Nicht von der Nacht. In der Nacht, bist du dort tot. Da führt kein Weg drum herum. Du denkst, es ist ein Moor, mit Irrlichtern, Geistern, Wiedergängern? Richtig, aber da ist noch mehr. Woher glaubst du, hat das Schluckmoor seinen Namen? Es verschluckt jeden. Es verschluckt buchstäblich. Denn in der Nacht treiben die Schmampfegel aus der Tiefe hinauf. Mannsgroße Biester. Sie liegen da, mit weit geöffnetem Maul. Du siehst nichts durch den Nebel und dann trittst du hinein und sie ziehen dich hinab direkt in die Niederhöllen. Was glaubst du, wo ich das hier herhabe? Mit einem guten Schreiner ging das Laufen bald wieder. Die anderen hatten weniger Glück.
Und es gibt Sie. Ein Weib wie aus Rinde. Wir dachten, da stünde ein morscher Baum im Nebel. Bis sich die dürren langen Äste bewegten und den Merte schnappten. Der gute Merte, weggeschnappt von der Rindenhexe.

Glaub‘ es oder nicht, das Moor verschlingt manchmal nur die Leiber, während die Seelen dort ruhelos umherwandern. Ihre Stimmen sind nächtens unablässig am Klagen. Sie treiben dich in den Wahnsinn. Das allerschlimmste für mich war jedoch, dass ich eines Nachts meinen Söldnerhaufen aus dem Moor aufsteigen sah. Ein jeder zerfressen von Maden und Gewürm. Aber ich kannte sie und wusste, sie sahen sich im Krieg und wehe ihnen würde jemand über den Weg laufen.

Achja, dann gibt es da noch diesen Hexenturm, in dem so ein verdrehter Zauberer wohnt. Ich weiß nicht viel über ihn, nur dass er gelegentlich an der Postkutschen-Station beim Wirtshaus „Sensenfreud“ auftaucht, um dort Besorgungen einzuholen oder aufzugeben von der Postkutsche, die aller paar Monate mal vorbeikommt. Wenn ich‘s mir Recht überlege, frage ich mich, wie der Postkutscher überhaupt jedesmal zu dieser Station fand. Wie? Nein, ich meine, er hatte keinen Kopf … los, schenk nach!

Naja, jedenfalls sagen die Einwohner von Morastenau, dieser Zauberer würde Pläne für die Weltherrschaft schmieden und ihr Dorf zur Hauptstadt seines Reiches machen. Dafür liehen sie ihm wohl gelegentlich überzählige Dorfbewohner für Experimente aus. Die armen Menschlein, die darauf dann in sehr veränderter Gestalt und wirren Geistes im Moor herumirrten. Frollein Wuduwunderlich beschwerte sich auch, dass sie dauernd ihre Sanduhren umstellen müsse, wegen irgendwelcher Zeitmagieversuche. Ich war sogar mal bei dem Turm. Er hat dort im unteren Teil ein An- und Verkaufslädchen für magischen Krimskrams. Auch so eine Sache, die ich nicht verstehe. Recht gemütlich aber. Er ließ mir sogar grünen Tee servieren. Oder war es irgend sowas Grünes, dass mir den Tee servierte? Ich weiß es nicht mehr. Jedenfalls versicherte er mir, er könne durch die Zeit reisen. Allerdings damals nur in Richtung Zukunft und das auch nur in Schrittgeschwindigkeit. Er schien aber optimistisch.
Doch nun, mein Freund, nun muss ich los. Wenn du wirklich zum Schluckmoor willst, werden wir uns nicht wiedersehen. Dann wünsche ich dir wenig Leiden und ein schnelles Ende. Leb wohl und Danke für den Schnaps!
