Die Auslöschung 2020

Das Jahr starte für einige Trumspieler mit einer Con eines etwas anderen Settings… denn sie spielte im JETZT.

Deutsches Kaiserreich 1892

Hamburg

Im Schatten einer großen Cholera-Epidemie, die ihren Ursprung in dem Armutsviertel Hamburgs hatte und mehr als 8.600 Opfer forderte, formte sich unter dem genialen Prof. Dr. Johann-Ulrich von Wölfingen eine kleine Forschergruppe, welche sich vorrangig mit Astralprojektion, Wahrsagung, Zeitreisen und Bewusstseinserweiterung beschäftigte.

Zu dieser Zeit war es durchaus üblich, sich mit fremdartigen bis überirdischen Thesen zu beschäftigen und neuen Strömungen zu folgen, die die Weltanschauung erweiterten. Prof. Dr. von Wölfingen verband eine enge Freundschaft mit Anna Sprengel, welche bereits den Rang einer Soror Sapiens Dominabitur Astris in einer bekannten geheimen Loge war (Golden Dawn / Rosenkreuzer) und so begab sich auch diese Gruppe auf neue Wege um andere Kenntnisse zu erlangen.

Nach Forschungen, welche sich zum Teil an den Lehren der Rosenkreuzer orientierten, die sich mit den klassischen Geheimlehren Magie, Astrologie, Alchemie, Kabbala und Theosophie beschäftigten, gelang es der Forschungsgruppe nach wenigen Jahren tatsächlich in einer Gruppensitzung ihr Bewusstsein in eine Astralwelt zu projizieren, in der sie durch alle Epochen der Zeitgeschichte reisen konnten.

Der Jubel war groß, das Erreichte unfassbar. So besuchten sie das alte Ägypten, das antike Griechenland, die unglaublichen Bauten und Gesellschaften der Azteken, Mayas und Inkas zu deren Blütezeiten, Jerusalem zum ersten Kreuzzug usw. Die gesamte Weltgeschichte ließ sich auf diese Weise mit den eigenen Augen und Sinnen erleben. Welch ein Fortschritt für die Menschheit!

Im Ende hatte dies jedoch gar nichts mit Zeitreisen zu tun, sondern diese Welten entsprangen allein der Phantasie des Professors, welcher der Dirigent der Illusion war. Er allein gab die Zeitepoche vor und erschuf wie ein Architekt in seinem Kopf die Szenerie, in der sie sich aufhalten würden. Prof. Dr. von Wölfingen war ein Geschichtsfanatiker. Und auf diese Weise waren seine Sitzungen so wahr und so authentisch, dass man schier nicht glauben konnte, dass sie sich lediglich alle in dem Kopf eines Einzelnen aufhielten.

Und dann kam es zu einem Zwischenfall. In einer Sitzung verstarben drei Personen der Forschergruppe, als diese von einem indigenen Stamm angegriffen und geschlachtet worden waren. Von Wölfingen hatte sie mit in den australischen Busch genommen. Sie wanderten dort durch den undurchdringlichen Wald, wichen wilden Tieren und giftigen Pflanzen aus. Doch die Menschen dort fanden sie, fingen drei von ihnen mit ihren veralteten Fallen, sahen sie als Feinde des Stammes an und brachten sie schließlich alle um.

Entsetzt brachen die restlichen Projektanten unter dem Dirigenten von Wölfingen die Sitzung ab, in der Hoffnung, dass alles wieder ungeschehen sein würde. Doch die Forscher waren nach wie vor tot. Erst im Nachhinein kam heraus, dass es sich eben um eine Halluzination handelte und nicht um reale Astralprojektion. Gravierender war zudem noch, dass sich herausstellte, dass dies nur passieren konnte weil der Dirigent es so gewollt und zugelassen hatte.

Aus Angst und aus Rachegelüsten heraus verbündeten sich die anderen Forscher heimlich miteinander und planten den Tod des von Wölfingen, bevor er mit seinen Errungenschaften an die Öffentlichkeit gehen konnte. Sie überredeten ihn also zu einer Sitzung im alten Rom, während der sie ihn überwältigten und einer nach dem anderen ihm einen Dolch ins Herz stießen. Er starb genau wie Gaius Julius Caesar, der auch verraten und getötet worden war, blutend auf einer Treppe und allein. Die anderen wachten mit seinem letzten Atemzug unbeschadet aus der Sitzung wieder auf.

Bundesrepublik Deutschland 2010

Hannover

Ernst Richter ist ein motivierter Polizist, der höchst engagiert und erfolgreich seinem Beruf nachgeht. Niemand in seinem Revier hat eine so hohe Aufklärungsrate wie er. Nachdem er ein weiteres erfolgreiches Berufsjahr abgeschlossen und endlich seine langjährige Freundin Yasemin geheiratet hatte, entschlossen sie sich gemeinsam dazu, sich ein Haus zu kaufen. Es war eine wunderschöne Villa am Rande von Hannover. Im altgotischen Stil erreichtet spürte man in jedem Raum des großen Hauses, dass hier die Vergangenheit atmete.

Ernst Richter und Yasemin richteten sich zwischen alten Möbeln und Teppichen, die bereits vorhanden waren ein. Doch nach und nach spürte Ernst, dass das hier noch nicht alles war und als der gute Polizist, der er nun einmal war durchsuchte er Zentimeter für Zentimeter das große Haus, bis… er tatsächlich eine Geheimwand fand. Hinter einem alten Bücherregal, erspürte er eine Vertiefung in der Wand und nach vielem Kratzen und Drücken erklang ein Mechanismus aus dem Innern der Wand und eine Tür öffnete sich. Vor Ernst zeigten sich dunkle, staubige Stufen, die ins Nichts führten und er trat in den finsteren Gang. Am Fuß der Treppe, die lang und länger in die Tiefe führte öffnete sich vor ihm ein breiter Flur. Mehrere Türen gingen von diesem ab und Ernst Richter leuchtete mit seiner Taschenlampe alles genau ab. Merkwürdige Symbole waren auf Türen und Wänden notiert… Er trat durch die erste… und fand sich in einem großen Arbeitszimmer wieder. Wie eine private Bibliothek war es vollgestopft mit Büchern und Notizen. Eine Tafel stand in einer Ecke mit wilden Berechnungen und Kreidestrichen, die in all der Zeit nur langsam verblasst waren. Ernst Richter trat an den Tisch und überflog eine aufgeschlagene Notiz, die ihm von einem Moment auf den anderen als das wichtigste der Welt erschien und begann zu lesen….


„Rigor mortis multitatis transfusionem requiem….“ Rot prangte immer wieder ein Name daraus hervor: Professor Doktor Johann-Ulrich von Wölfingen. Und Ernst Richter konnte nicht aufhören zu lesen. Immer und immer wieder begann er den Text von neuem zu lesen, ohne ihn zu verstehen. Bis schließlich sein Kopf auf den harten Steinboden fiel und seine Augen sich schlossen….

Seit diesem Tage an war Ernst Richter nicht mehr er selbst. Dunkle Ringe traten unter seine Augen, als würde er nicht mehr schlafen. Alpträume plagen ihn. Von dunklen Treppen und lateinischen Texten. Von toten Menschen, von Experimenten. So schlimm, dass er sogar eines Nachts seine Frau erschießt, die vor seinem Bett steht, als er erwacht. Aber er weiß einfach nicht, was passiert ist. Er weiß einfach nicht, was immernoch passiert…

Also was ist es, dass hier Nacht für Nacht im Richterschen Haus stattfindet?

Professor Doktor von Wölfingen hat früher hier gelebt und im Keller ein geheimes Labor aufgebaut. Dort hat er seine größten Errungenschaften erforscht. Die Astralprojektion, die ihm zu so großem Ruhm verhelfen sollte. Viele Menschen mussten dafür damals ihr Leben lassen. Doch es war nur für das Wissen der Menschheit. Doch von Wölfingen wurde hintergangen von seinen eigenen Forschungsmitgliedern. Was diese aber nicht wussten… Er hatte es geschafft einen Teil seines Selbsts in ein Schriftstück zu binden. Er hatte wohl geahnt was passieren könnte und sich mit dunklen Mächten und Wissenschaften auseinander gesetzt, die ihm halfen, sein Leben auf dieser Erde zu verlängern. Nun hatte Ernst Richter dieses Schriftstück gelesen und das Seelenstück von von Wölfingen drang tief in sein Innerstes hinein. Ja, es kann sogar Besitz von ihm ergreifen. Und das ist es, was seit neun Jahren jede Nacht geschieht.

Ernst Richter geht ins Bett und von Wölfingen steht auf. Er begibt sich regelmäßig in den nahe gelegenen Park, um dort Obdachlose oder Drogenjunkys zu entführen. Er bringt sie in seinen geheimen Keller, wo er wieder und wieder Experimente an ihnen durchführt. Er muss sein Wissen verbessern. Seine Technik war noch nicht perfekt… Und jetzt in diesem stumpfen Körper eines trauernden Polizisten fest zu stecken… Egal! Er würde seine Rache bekommen. Die Rache an seinen Mördern! Oder zumindest den Nachfahren von ihnen:

Kreuzau, Neuwied, Rühmann, von Eyk, Formann, Fitzgerald. Sie alle sollten büßen.

Als Ernst Richter fand er die Wohnorte und Lebensbedingungen von ihnen schnell heraus. Einige von ihnen waren sogar bekannt. Dann lud er sie unter einem anonymen Vorwand ein… und dann würde er sie in eine Halluzination versetzen und sie würden leiden. Ja leiden! So lange, bis sie herausgefunden hätten, was ihre Vorfahren ihm angetan hatten! Und dann, ja dann. Dann würden sie alle sterben!

Ein großartiges Meisterstück hatte er geschrieben, komponiert aus Rache und Wut. Ernst Richter würde der unwissende Dirigent bei diesem Stück sein. Mit marginalem Einfluss auf die Umgebung der Halluzination… und die Opfer? Ja, die wären die Musiker, die nach seinem Stock spielen würden. Um ihr Leben würden sie spielen und nach und nach aus dem Meisterstück ausgelöscht. Bis nur noch das Papier mit der alten Tinte übrigbleiben würde. Und dann könnte er vielleicht Frieden finden auf dieser Welt.

Ein Gedanke zu „Die Auslöschung 2020“

  1. Als erste Con des Jahres, erste Horrorcon für mich und als erster SL-Einsatz von mir überhaupt war ich extrem aufgeregt.
    Jannick und ich haben uns wenig zeit für die Vorbereitungen gelassen und trotzdem eine recht komplexe Backgroundstory entwickelt. Die ganze Con war ein Experiment für uns, das wir mit einer kleinen und bekannten Spielergruppe durchführen wollten.

    Es ist vieles so gelaufen, wie wir gehofft haben, z.B. die Anfahrt mit den Autos, die Umsetzung der Monster, 3000 Bilder auf der Wildkamera, Verpflegung der NSC, der Material-Overflow in der Hütte, die Qualität des Materials, die verrückten Taschenlampen etc., im Nachhinein sind uns aber einige Dinge aufgefallen, die wir noch verbessern könnten, z.B Verpflegung der Spieler, Briefing vorort, andere Herleitung des Plots, etc.

    Alles in allem fand ich die Con superspannend und spaßig mit allen Beteiligten! Es war saukalt, es war stockdunkel, es war gruselig, anstrengend und lehrreich! :)

    Mein größter Dank geht an Sophia, die 90% des gesamten materials beigesteuert hat und das in einer Qualität, die keine Wünsche offen ließ! und an Mathias Moschinski, der die Monster angeleitet hat. Ganz viel liebe für euch!!! <3 <3 <3

    Und vielen vielen Dank an die sechs Spieler und die zahlreichen NSC, die dieses Experiment überhaupt ermöglicht haben. :)

    PS. Wer Bock hat, sich die Briefings einmal durchzulesen um die liebevolle Backgroundstory zu erfahren, der mag sich gerne mal bei mir melden. #IndividuelleCharakterOneshotBriefings

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